58 Tage ohne Lohn – Die Bedeutung des Equal Pay Day in der Fahrradbranche

Bis zum 27. Februar arbeiten Frauen in Deutschland rein rechnerisch „unbezahlt“. Erst dann erreichen sie das durchschnittliche Einkommen von Männern. Grundlage dieser Berechnung ist der unbereinigte Gender Pay Gap, der aktuell bei 16 Prozent liegt. Das bedeutet: Über alle Branchen, Berufe und Arbeitszeitmodelle hinweg verdienen Frauen pro Stunde im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer.

Zwar ist dieser Wert im Vergleich zu 2023 von 18 auf 16 Prozent gesunken, doch die Einkommensunterschiede bleiben erheblich – auch in der Fahrradbranche.

 

Let’s cycle back: Was ist der Equal Pay Day und der Gender Pay Gap?

Der Equal Pay Day fällt rechnerisch auf den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer seit dem 1. Januar desselben Jahres für ihre Arbeit bezahlt werden

Je größer der Gender Pay Gap, desto später fällt dieser Tag im Kalender.

Der Gender Pay Gap beschreibt den durchschnittlichen Unterschied im Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern. Dabei wird zwischen zwei Kennzahlen unterschieden:

  • Unbereinigter Gender Pay Gap (2026 liegt dieser bei 16 %)
    Er vergleicht die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne aller arbeitenden Frauen und Männer – ohne weitere Differenzierung. In diesen Wert fließen strukturelle Faktoren wie Branche, Berufsbild, Arbeitszeit, Hierarchieebene und berufliche Laufbahn vollständig ein.

 

  • Bereinigter Gender Pay Gap (2026 liegt dieser bei 6 %)
    Hier werden diese strukturellen Unterschiede statistisch herausgerechnet. Übrig bleibt der Teil der Lohnlücke, der selbst bei vergleichbarer Qualifikation, Tätigkeit und Berufserfahrung nicht erklärt werden kann – und damit besonders auf mögliche Diskriminierung hinweist.

 

Was der Gender Pay Gap mit Mobilität zu tun hat

Die „Mobilität in Deutschland“-Studie zeigt: Einkommen beeinflusst direkt, welche Mobilität sich Menschen leisten können – ob Auto, ÖPNV, Sharing-Angebote, Dienstrad oder eigenes (E-)Bike. Wer weniger verdient, muss Ausgaben stärker abwägen und verzichtet häufiger auf nachhaltige, komfortable Mobilitätslösungen.

Hinzu kommt: Frauen übernehmen im Alltag überproportional viel Care-Arbeit und legen dabei komplexe Wegeketten zurück – etwa für Kita-Transport, Einkäufe oder größere Besorgungen. Für solche Anforderungen reicht ein normales Stadtrad oft nicht aus. Wirklich praktikabel sind hier Lasten- oder Cargo-Bikes. Hochwertige Modelle kosten jedoch schnell mehrere tausend Euro – genau hier schließt sich der Kreis zum Gender Pay Gap. Faire Bezahlung und faire Mobilitätschancen gehören untrennbar zusammen.

Arbeitgeber können an dieser Stelle konkret ansetzen: Transparente Vergütungssysteme, flexible Arbeitsmodelle und Mobilitätsangebote wie Diensträder tragen dazu bei, nachhaltige Mobilität für alle Beschäftigten zugänglich zu machen – unabhängig vom Einkommen.

 

Wie stark ist der Gender Pay Gap in der Fahrradbranche wirklich?

Die Fahrradwirtschaft steht für nachhaltige Mobilität, Klimaschutz und gesunde Lebensweise. Doch auch sie ist nicht frei von struktureller Ungleichheit – und das in mehreren Bereichen.

Frauen in Führungspositionen: Unterrepräsentiert in allen Bereichen
Eine Studie zu „Arbeitsbedingungen in der Fahrradbranche“ (über 680 Befragte) zeigt deutliche Schieflagen: Nur rund 30 Prozent der Top-Management-Positionen sind weiblich besetzt, im Handel und in der Produktion sogar nur 22–23 Prozent. Frauen sind in höheren Gehaltsklassen deutlich unterrepräsentiert und berichten besonders bei Gehalt und Aufstieg von Benachteiligung. Entsprechend laut werden Forderungen nach fairer Bezahlung, besseren Aufstiegschancen und mehr weiblichen Vorbildern.

Professioneller Radsport als Extrembeispiel
Auch im Profibereich klafft eine tiefe Lücke: Bei der Tour de France Femmes werden insgesamt 250.000 Euro Preisgeld ausgeschüttet, während der männliche Gesamtsieger allein 500.000 Euro erhält. Analysen sprechen von einem Einkommensunterschied von rund 40 Prozent zwischen männlichen und weiblichen Profis.

 

Perspektive und Stimmen aus der Branche

Netzwerke wie „Women in Cycling“ und weitere Brancheninitiativen sehen klare Hebel für Veränderung:

  • Mehr Sichtbarkeit: Frauen in allen Bereichen sichtbar machen – von Werkstatt und Entwicklung bis zur Geschäftsführung
  • Bessere Strukturen: Klare Karrierepfade, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gelebte Diversity-Strategien
  • Mehr Transparenz: Offene Entgeltmodelle, die „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ sicherstellen

 

Die Botschaft ist klar: In Zeiten von Verkehrswende und Fachkräftemangel kann die Fahrradbranche ihr volles Potenzial nur entfalten, wenn sie Vielfalt fördert und faire Arbeitsbedingungen schafft.

 

Equal pay every day: Vom Aktionstag zum Alltag

Equal Pay darf kein einmaliger Aktionstag bleiben. Die Fahrradbranche braucht konkrete Schritte in Richtung „equal pay every day“:

  • Transparente Gehaltsstrukturen prüfen und Lücken schließen
  • Karrierepfade und Mentoring für mehr Frauen in Technik- und Führungsrollen
  • Flexible Modelle und eine respektvolle Unternehmenskultur als Grundlage

 

So wird die Fahrradbranche nicht nur Motor der Verkehrswende, sondern auch Vorbild für faire Arbeit – und die 58 „unbezahlten“ Tage werden endlich Geschichte.

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